Doing Family: Bisherige Ergebnisse und Einladung zum zweiten Workshop

Im Projekt «Doing Family» der Metropolitankonferenz Zürich wird davon ausgegangen, dass die aktuellen Gesetzgebungen auf einem traditionellen Ernährer-Hausfrau-Familienmodell basieren. Dies hat zur Folge - so die Prämisse - dass andere Familienformen (z.B. Jobsharing- oder Patchwork-Familien) strukturell benachteiligt sind. Das Projekt «Doing Family» hat zum Ziel, Empfehlungen zur Optimierung von Unterstützungsleistungen für Familien zu formulieren. Momentan befindet sich das Projekt in der letzten von drei Phasen: Unterstützungsleistungen der öffentlichen Hand darstellen und aufzeigen. Was die bisherigen Ergebnisse waren und wie es mit dem Projekt weitergeht, erfahren Sie in diesem Gastbeitrag von Sarah Büchel, Projektleiterin bei «Doing Family».

Wie können wir uns von normierten Familienbildern lösen?

Bei der Analyse und Beschreibung von Familienbildern (Phase 1) und der «Betriebswirtschaftlichen Darstellung» des Familienalltags als Herstellungsprozess (Phase 2) sind viele Fragen aufgeworfen worden. Leitfrage dabei war: "Wie können wir uns von normierten Familienbildern lösen?"

Seit Mai 2017 liegen die Schlussberichte des Forschungs- und Beratungsunternehmens INFRAS, der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und der Universität Basel vor. Die Forschenden haben sich auf unterschiedliche Art und Weise dem Thema „Doing Family – Familie hat man nicht, sondern muss man tun!“ genähert. Eine historische Herangehensweise ist die „Analyse der Entstehung der Vorstellungen von Familie in der Schweiz“. Die Untersuchung stellt dar, dass der Begriff „Familie“ relativ jung ist. Die Kleinfamilie* entsteht ideell und praktisch erst in der Moderne. Obwohl sie als Vorstellung schon früh dominierte, konnte sie im Alltag nur für kurze Zeit (ca. 1945 bis 1970) realisiert werden. Dies zeigt: Familie als Leitbild und als Praxis sind zwei völlig unterschiedliche Dinge!

Familie als Projekt: Eine ökonomische Herangehensweise

Eine ökonomische Herangehensweise ist die „betriebswirtschaftliche Darstellung des Familienalltags als Herstellungsprozess“ (Familie als Projekt). Die Analyse beschreibt, dass der Leistungserstellungsprozess in der Familie aus Routinen und Ritualen besteht. Sie sind wichtig für die Strukturen und den Erhalt der emotionalen Bindung in der Familie. Die Untersuchung trägt dazu bei, das Ideal der Kernfamilie* aufzubrechen: Familie wird verstanden als „Netzwerk von Individuen, in deren Zentrum eine persönliche und verlässliche emotionale Bindung steht“. Dazu können auch Nachbarn, Betreuungspersonen oder andere Bezugspersonen gehören.

Handlungsbedarf bei den Unterstützungsleistungen

Schliesslich wurde aus der Perspektive der öffentlichen Hand untersucht, welche Unterstützungsleistungen für Familien erbracht werden. Das Inventar zeigt, dass die öffentliche Hand mittlerweile viele verschiedene Ergänzungsleistungen für Familien anbietet. Trotzdem gibt es noch Handlungsbedarf: Einerseits legt der Bericht dar, dass das Angebot je nach Kanton und Gemeinde sehr unterschiedlich ist. Andererseits fehlt es an einer Koordination der Leistungen beziehungsweise könnten die vielfältigen Massnahmen besser aufeinander abgestimmt werden.

Weiteres Vorgehen

Die vorliegenden Ergebnisse werden im Rahmen von zwei Workshops vertieft. Der erste Workshop hat bereits im Juni 2017 mit hochkarätigen Professorinnen und Professoren aus der ganzen Schweiz und ausgezeichneten Fachleute stattgefunden. In dieser Arbeitssequenz wurde ein Modell diskutiert, welches die Idee der Familie als „Ort der Geborgenheit“ ins Zentrum stellt. Gemeinsam wurde analysiert, was für rechtliche, wirtschaftliche und soziokulturelle Rahmen- bzw. Umweltbedingungen Familien brauchen, um ihr persönliches Lebens- und Erwerbsmodell realisieren zu können.

*Als Klein- bzw. Kernfamilie wird eine Familie bezeichnet, die aus zwei Erwachsenen und deren Kindern besteht.

Sarah Büchel, Beraterin und Projektleiterin inoversum AG                                                                                         André Woodtli, Vorsteher des Amts für Jugend und Berufsberatung Zürich

September 2017