Ob klassisch, Patchwork oder alleinerziehend: Familie heisst Geborgenheit

Die Unterstützungsleistungen für Familien richten sich in der Regel nach dem Bild der «klassischen» Familie mit Mutter, Vater und Kind. Gerade in städtischen Gebieten gibt es aber vermehrt Alleinerziehende oder Patchworkfamilien, deren Anliegen und Bedürfnisse sich von denjenigen der Kernfamilie unterscheiden. Das Ziel des neuen Projekts der Metropolitankonferenz Zürich, «Doing Family», ist es, herauszufinden, wie Unterstützungsleistungen aussehen könnten, die auch alternativen Familienmodellen besser entsprechen – und damit effizienter und günstiger wären. Projektleiter André Woodtli, Vorsteher Amt für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich, im Interview.

André Woodtli, Projektleiter

Herr Woodtli, Sie leiten das Projekt «Doing Family». Es hat zum Ziel, die Familienhilfen der öffentlichen Hand zu optimieren, damit diese auch Familienmodellen jenseits der «bürgerlichen Kernfamilie» mit Vater, Mutter und Kind gerecht werden. Was muss man sich darunter vorstellen?

Wir reden nicht von verschiedenen Familienmodellen, sondern von verschiedenen Familienstrukturen. Warum? Weil ideengeschichtlich heute nur ein Modell von Familie dominiert: Es zeichnet sich aus durch Hauptmerkmale wie die Schaffung von Geborgenheit und Sicherheit, die Erziehung durch die Eltern selbst oder die wirtschaftliche Gemeinschaft. Historisch sind das alles keine Konstanten, sie gehören zum heute gültigen Modell. Die Unterschiede, die Sie ansprechen, beziehen sich also auf die Struktur, in der diese Familienmerkmale realisiert werden. Das kann eben die klassische Familie mit Vater, Mutter und Kind sein, aber ebenso die Regenbogenfamilie, die Patchworkfamilie oder Alleinerziehende.

Wie unterscheiden sich die Bedürfnisse dieser Familien von den Bedürfnissen der klassischen Familie, im Bezug auf die Unterstützungsleistungen?

Die Hilfestellungen der öffentlichen Hand müssen aus unserer Sicht beides berücksichtigen, die tatsächlichen Strukturen und die sozusagen in der Tiefe wirkenden Leitvorstellungen. In der Realität ist es so: Gerade Familien mit nicht klassischen Strukturen orientieren sich erst recht am klassischen Familienmodell. Dieses Spannungsfeld müssen öffentliche Hilfen beachten.

Wie präsentiert sich die Situation der Familienstrukturen im Metropolitanraum, gibt es dazu Zahlen oder Schätzungen?

Konkrete Zahlen für den Metropolitanraum Zürich liegen uns leider nicht vor. Allgemein lässt sich aber sagen, dass die Schweiz, vor allem innerhalb von Europa, eine Sonderposition einnimmt. So gibt es in der Schweiz eine enorm hohe Korrelation zwischen Heirat und Familienplanung, gerade im Vergleich mit den skandinavischen Ländern. Hierzulande kommt mit ungefähr 70 Prozent immer noch eine deutliche Mehrheit aller Kinder in verheirateten Familien zur Welt. Die Entwicklungstendenzen gehen aber auch bei uns in die Richtung struktureller Vielfalt – eben verzögert.

Wo vermuten Sie die grössten Optimierungspotenziale in der Familienhilfe?

Da das Projekt erst gerade angelaufen ist, ist es verfrüht, auf Optimierungsmöglichkeiten einzugehen. Wir vermuten jedoch, dass in den bestehenden Systemen vieles unkoordiniert abläuft und dass es Doppelspurigkeiten gibt.

Neben der Untersuchung der verschiedenen Familienbilder und Unterstützungsleistungen wollen Sie auch eine «betriebswirtschaftliche Darstellung des Familienalltags» vornehmen. Was muss man sich darunter vorstellen?

«Doing Family» ist ein Ansatz der Familiensoziologie, der möglichst exakt beschreiben will, was eine Familie nun tatsächlich konkret leistet und welche Ressourcen sie dazu braucht. Dieser Ansatz, der die Familie als Input-Output-System betrachtet, ist für uns deshalb interessant, weil er die Struktur, in der diese Leistungen erbracht werden, ignoriert. Er ist losgelöst von Ideologien und erlaubt es, die Leistungen und Funktionen der Familie wie in einem Unternehmen zu beschreiben. Ein Beispiel dafür könnte eine Art «Stellenbeschreibung» für Eltern sein.

Apropos Ideologie: Das Thema Familie ist politisch ein heisses Eisen. Spüren Sie Kritik an Ihrem Vorhaben?

Absolut. Seit wir über das Projekt sprechen, bewegen wir uns in einem normativen Minenfeld. Es gibt immer noch starke Idealvorstellungen, was eine gute Familie ausmacht und wie sie zusammengesetzt sein sollte. Zu dieser Diskussion wollen wir keinen Beitrag leisten. Da wir mit unserem Ansatz den Familienbegriff von der Familienstruktur trennen, können wir alle Realisierungsmöglichkeiten des uns alle prägenden Familienmodells berücksichtigen, ob «traditionell» oder «neuartig». Wir haben die Erfahrung gemacht, dass, wenn wir den Leuten diesen Ansatz erklären können, unser Vorhaben auf Zustimmung stösst und als innovativ angesehen wird.

Die Metropolitankonferenz hat sich in einer kürzlich erfolgten Strategiediskussion zum Ziel gesetzt, ihre Projekte stärker praxistauglich auszugestalten. Wie profitieren Gemeinde und Kantone konkret von diesem Projekt?

Es ist unser Ziel, konkrete Empfehlungen zur Optimierung der Unterstützungsleistungen zu erarbeiten, die in jedem Kanton unabhängig der vorherrschenden Familienstrukturen und unabhängig der Art der bestehenden Hilfssysteme umgehend umsetzbar sind.

Wie geht es mit dem Projekt weiter?

Momentan sind wir daran, die ersten drei Teilprojekt-Aufträge an Forschungsinstitutionen zu vergeben. Anfangs 2017 sollten die Resultate der Rechercheprojekte vorliegen, so dass wir darauf basierend die Empfehlungen erarbeiten können. Ende 2017 dürfen die Kantone und Gemeinden des Metropolitanraums mit unseren definitiven Empfehlungen rechnen.

Februar 2016