Mit Home Office und späterem Schulbeginn die Verkehrsspitzen brechen

Die Verkehrsinfrastrukturen stossen während den Spitzenstunden immer mehr an ihre Kapazitätsgrenzen. Um kostenintensive Ausbauten vermeiden zu können, sind Massnahmen gefragt, die die Verkehrsspitzen brechen oder zumindest glätten. Drei solche Massnahmen sind Gegenstand des neusten Projekts der Metropolitankonferenz Zürich.

Jeder, der schon einmal um 7 Uhr im Zug von Zürich nach Bern sass, weiss, was eine Verkehrsspitze ist. Weil ein Grossteil der Bevölkerung ungefähr zur selben Uhrzeit zur Arbeit, in die Schule oder an die Universität und wieder nach Hause geht, stösst das Verkehrssystem zu gewissen Spitzenzeiten an seine Grenzen. Am Morgen und am Abend sind die öffentlichen Verkehrsmittel und die Autobahnen vielerorts heillos überfüllt mit Pendlerinnen und Pendlern. 70 Prozent der Schweizer Pendler arbeiten ausserhalb ihrer Wohngemeinde und sind dabei im Durchschnitt während 30 Minuten unterwegs.

Anteil an der Tagesbelastung an der Stadtgrenze Zug nach Verkehrsmittel. Die zwei Verkehrsspitzen sind deutlich erkennbar.

Fokus auf eine Veränderung der Nachfrage

Die Massnahmen gegen die Überlastung des Verkehrssystems haben ihren Preis. Wie eine Studie im Auftrag von SBB, Swisscom, Post und des Amtes für öffentlichen Verkehr und Verkehrskoordination (AÖV) des Kantons Bern kürzlich gezeigt hat, kosten etwa alleine die Massnahmen der SBB auf der Strecke Zürich-Bern in Form von Zugsverlängerungen und Zusatzzügen jährlich 21 Mio. Franken [1]. Ein Ausbau der Verkehrsinfrastruktur würde noch weit höhere Kosten nach sich ziehen und ist auf vielen Strecken gar nicht mehr möglich.

Ein alternativer Ansatz zielt deshalb nicht auf eine Erhöhung des Angebots, sondern auf eine Veränderung in der Nachfrage. Damit sollen die Verkehrsspitzen gebrochen oder zumindest geglättet werden. Hier setzt das neue Projekt der Metropolitankonferenz an. In den kommenden Monaten werden drei Massnahmen, die auf die Brechung der Verkehrsspitzen abzielen, untersucht: die Einführung von stärker flexibilisierten Arbeitszeiten und Home Office, die zeitliche Verlagerung des täglichen Schulbeginns und -endes bei grossen Schulen sowie eine differenzierte Tarifgestaltung beim öffentlichen Verkehr. Ziel des Projektes ist es einerseits, das Entlastungspotenzial der drei Massnahmen abzuschätzen. Andererseits soll aufgezeigt werden, welche Rahmenbedingungen gegeben sein müssen, damit die Massnahmen ihr Potenzial entfalten können.

Grosses Entlastungspotenzial

Für Stefan Bürgler, Verkehrsplaner beim Kanton Zug und Projektleiter, muss die Problematik der Verkehrsspitzen dringend angegangen werden. «In Zug hat der Druck auf die Verkehrsinfrastruktur in den letzten Jahren spürbar zugenommen.» In seinem Amt werden die Arbeitszeiten bereits relativ flexibel gehandhabt. Grundsätzlich gilt Anwesenheitspflicht zwischen 9 und 11 Uhr sowie zwischen 14 und 16 Uhr. Vor, während und nach diesen Kernzeiten kann die Arbeitszeit jedoch flexibel organisiert werden.

Wie ein Pilotversuch von SBB und Swisscom im Jahr 2012 gezeigt hat, haben solche Massnahmen grosses Potenzial. Im Rahmen der «WorkAnywhere»-Initiative waren 264 Mitarbeitende von SBB und Swisscom im Raum Bern während zweier Monate aufgefordert, ihren Arbeitstag flexibel zu gestalten. Die Anzahl ihrer Fahrten in den Spitzenzeiten halbierte sich beinahe.

Empfehlungen für Regionen, Kantone und Gemeinden

Das Projekt der Metropolitankonferenz Zürich profitiert von diesen Erkenntnissen aus Bern. Direkt übertragbar sind sie aber nicht, denn je nach Wirtschaftsstruktur und Leidensdruck ist das Entlastungspotenzial in jeder Region unterschiedlich gross. Dank dem Projekt erhalten Kantone, Regionen und Gemeinden im Metropolitanraum Zürich Empfehlungen, mit welchem sie Massnahmen zur Brechung der Verkehrsspitzen planen können. Wichtig ist dabei der Einbezug der Wirtschaft, denn viele Massnahmen lassen sich nur auf Stufe Unternehmen umsetzen.

Mit der Studie wurde das Büro INFRAS in Zürich beauftragt. Das Projekt soll im Herbst 2016 abgeschlossen werden, sodass die Ergebnisse an der Metrokonferenz im November 2016 präsentiert werden können.


[1] «Verkehrsinfrastrukturen smarter nutzen dank flexibler Arbeitsformen. Entlastungspotentiale für die Hauptverkehrszeiten am Beispiel der Region Bern», Schlussbericht Ecoplan, 07.09.2015.

 

Barbara Kieser, September 2015