Verkehrsspitzen brechen - Infrastruktur entlasten

Es ist der 17. November 2016, 09:30 Uhr. Die Journalisten sitzen erwartungsvoll im Raum Opal des Verwaltungszentrums Werd in Zürich. Sie sind einer Medieneinladung mit dem Titel «Bis zu 20% Entlastungen der Verkehrsspitzen möglich» gefolgt. Nachdem das öffentliche Interesse für das Thema «Verkehrsentlastung» bereits eine Woche zuvor am Beispiel der Hochschule Luzern geweckt worden war, wollen die Journalisten an der Pressekonferenz mehr über die Wirkungspotenziale und Handlungsempfehlungen aus der Studie «Brechen der Verkehrsspitzen» im Auftrag der Metropolitankonferenz Zürich erfahren.

Projektabschluss «Brechen der Verkehrsspitzen»: Die wichtigsten Ergebnisse

In städtischen Räumen, wie dem dicht besiedelten Metropolitanraum Zürich, stossen die Verkehrsinfrastrukturen zunehmend an ihre Kapazitätsgrenzen. Die Folgen sind Stau, Zeitverluste und Komforteinbussen. Infrastrukturelle und angebotsseitige Massnahmen sind kostenintensiv und nehmen mehrere Jahre der Planung und der Realisierung in Anspruch. Es gewinnen also neue Ansätze zur Verminderung des Verkehrs an Bedeutung. Solche, die die Verkehrsspitzen brechen oder glätten. Dieses Potenzial hat die Metropolitankonferenz Zürich frühzeitig erkannt und deswegen unter der Federführung des Amts für Raumplanung Zug eine Studie in Auftrag gegeben, um die Wirkungspotenziale entsprechender Massnahmen zu untersuchen und konkrete Handlungsempfehlungen für Politik und Wirtschaft zu erarbeiten.

An der Pressekonferenz wurden anlässlich des Projektabschlusses «Brechen der Verkehrsspitzen» nach einer kurzen Einführung durch Walter Schenkel, Geschäftsführer des Vereins, die wichtigsten Studienergebnisse von Stefan Bürgler, Projektleiter und Verkehrsplaner beim Amt für Raumplanung des Kantons Zug, und von Daniel Sutter, Studienautor Infras, präsentiert. «Eine erhebliche Reduktion des Verkehrsaufkommens, insbesondere in den Morgenspitzen, kann durch organisatorische Massnahmen in Schulen und Unternehmen erreicht werden.», sagte Stefan Bürgler. «Die Reduktionspotenziale im ÖV und im Strassenverkehr liegen realistisch gesehen bei je rund 20%. Sie werden durch Massnahmen wie Home Office, räumlich-flexibles Arbeiten in den Unternehmen, durch E-learning und nach hinten verschobenen Unterrichtszeiten in den Schulen realisiert.»

Pressekonferenz
Daniel Sutter, Walter Schenkel, Stefan Bürgler und Matthias Michel an der Pressekonferenz (v.l.n.r.)

Daniel Sutter ergänzte: «Ein besonderes Augenmerk gilt der Planung neuer Schulstandorte. Anders als bei bestehenden Schulen können etwa Unterrichtszeiten von Beginn an in die Planung einbezogen und vergleichsweise einfach und mit grosser Wirkung umgesetzt werden. Liegt ein neuer Standort in der sogenannten Gegenlastrichtung – das ist der Fall, wenn die Reise zum Bestimmungsort für eine Mehrheit der Schüler und Studierenden entgegen der Hauptverkehrsrichtung verläuft – lässt sich der Verkehr zusätzlich entlasten.»

Karte
Entlastungspotenziale in der Morgenspitze auf ausgewählten Querschnitten

Des Weiteren wurde das Reduktionspotenzial durch Tarifgestaltung erläutert, wobei sich ein Kombinationsansatz aus positiven und negativen Anreizen als besonders erfolgsversprechend erwiesen hat: Wer in den Nebenverkehrszeiten mit Bus, Zug oder Tram unterwegs ist, profitiert von einem Bonus, die Reise in den Hauptverkehrszeiten wird hingegen mit einem Malus belastet. Der Vorteil dabei: Der Reisende hat die Möglichkeit sein «Verkehrs-Konto» jederzeit auszugleichen. Gleichzeitig wird die Lenkungswirkung der Massnahme verstärkt, ohne die Verkehrsbetriebe finanziell zusätzlich zu belasten.

«Alles in allem zeigt die Studie auf, dass das Entlastungspotenzial während der Hauptverkehrszeiten auch ohne Ausbau von Bahn- und Strassenverbindungen hoch sein kann. Dies gilt vor allem dann, wenn die Massnahmen in den Bereichen Arbeits- und Ausbildungsverkehr aufeinander abgestimmt und mit einer differenzierten Tarifgestaltung ergänzt werden.», fassten die beiden Studienbeteiligten abschliessend zusammen.

Die Handlungsempfehlungen

Neben der quantitativen Abschätzung des Entlastungspotenzials wurde auch geprüft, welche Rahmenbedingungen gegeben sein müssen, damit entsprechende Massnahmen eine möglichst hohe Wirkung erzielen.

Die wichtigsten Erkenntnisse und Empfehlungen lauten wie folgt:

  • Unternehmen sollen Hand bieten zu flexiblen Arbeitszeiten und Home Office. Es sind die hierzu notwendigen Veränderungsprozesse in Bezug auf Führungsstil und Unternehmenskultur einzuleiten.
  • Die öffentliche Hand soll als Arbeitgeberin ihre Vorbildfunktion wahrnehmen und Mitarbeitenden Home Office und flexible Arbeitszeiten ermöglichen.
  • Schulämter sollen bei anstehenden Standortentscheiden für neue Schulen oder Ersatzstandorte vermehrt verkehrliche Aspekte berücksichtigen und bei bestehenden Standorten die Flexibilisierung bzw. Anpassung der Stundenpläne unterstützen.
  • ÖV-Tarifierung, Strassenbenutzungsabgaben und Parkplatzbewirtschaftung können als flankierende Massnahmen räumlich und zeitlich flexibles Arbeiten fördern.

Die Metropolitankonferenz will das Verkehrschaos entschärfen – und präsentiert Lösungen

Abschliessend wurde an der Pressekonferenz zum ersten Mal der Film «Brechen der Verkehrsspitzen» in der Öffentlichkeit gezeigt.

Video
Besuchen Sie unseren YouTube Channel und schauen Sie das Video: https://youtu.be/TJqdQB_BexU

Die Studienergebnisse fanden einen grossen medialen Anklang und es wurde grossflächig über das Projekt berichtet: Einzelne Abschnitte aus dem obigen Video wurden von TeleZüri gezeigt, ein Artikel mit dem Titel «Die Metropolitankonferenz will das Verkehrschaos entschärfen – und präsentiert Lösungen» wurde in der Printversion der NZZ veröffentlicht und zahlreiche weitere regionale und nationale Medien berichteten über die Studienergebnisse. Dies zeigt, dass mit dem Projekt erfolgreich eine relevante und aktuelle Herausforderung identifiziert wurde. In anderen Worten: Die Metropolitankonferenz Zürich hat mit dem Projekt «Brechen der Verkehrsspitzen» den Nerv der Zeit getroffen und darüber hinaus konkrete, anwendbare Lösungen entwickelt.

Matthias Michel
Regierungsrat Matthias Michel (Kanton Zug) sorgte an der Pressekonferenz für eine Einbettung der Studienergebnisse in einen politischen Kontext

Hier geht es zum vollständigen Abschlussbericht und zum Projekt-Factsheet.

Marie-Joëlle Eschmann, Dezember 2016