«Der Langsamverkehr ist ein echter Qualitätszustupf für eine Wohngegend.»

Bernard Hinderling, Projektleiter

Die Schweizer sind begeisterte Wanderer, Läufer und Velofahrer. Gerade in Agglomerationen fehlt es jedoch oft an attraktiven Spazier-, Wander- oder Velowegen. Das neue Projekt der Metropolitankonferenz Zürich will Gemeinden ein Instrument in die Hand geben, um ihre Langsamverkehrsnetze attraktiver zu gestalten. Ein Gespräch mit Projektleiter Bernard Hinderling, Projektleiter Infrastruktur bei Schweizer Wanderwege.

Herr Hinderling, Sie befassen sich mit Langsamverkehrswegen. Was macht einen Spazier-, Wander- oder Veloweg attraktiv?

Ein attraktiver Weg verläuft in einer attraktiven Umgebung. Das heisst im Siedlungsraum etwa, dass der Weg entlang einer Allee oder eines Bachs und nicht durch eine Industriezone oder durch ein Einfamilienhausquartier führt. Zweites Kriterium ist der direkte Zugang von der Siedlung zu den Naherholungsgebieten: Es dürfen keine sinnlosen Umwege entstehen, weil eine Unterführung oder ein Fussgängerstreifen fehlt. Und drittens muss der Weg natürlich sicher sein.

Weshalb setzen Sie sich für den Langsamverkehr ein?

Das Wandern, Gehen und Velofahren ist sehr beliebt in der Schweiz, und zwar nicht nur in den Ferien, sondern auch im Alltag. Dies zeigt eine neue Studie zum Wandern und Velofahren in der Schweiz. Der Langsamverkehr hat zudem auch aus gesundheitlicher Sicht einen hohen Stellenwert. Nur schon ein kurzer Spaziergang in der Mittagspause trägt viel zur Erholung bei. Gerade in Agglomerationsgemeinden kann es aber schwierig sein, rasch zu einem Naherholungsraum zu gelangen. Dort setzen wir in diesem Projekt an: Wir versuchen, den Zugang zu den Naherholungsräumen zu verbessern.

Wie erreichen Sie das?

Auf der einen Seite schaffen wir im Projekt ein einfaches Instrument, mit welchem sich das Langsamverkehrspotenzial einer Gemeinde und der sich daraus ergebende Handlungsbedarf abklären lassen. Auf der anderen Seite suchen wir gemeinsam mit Pilotgemeinden konkrete Möglichkeiten, wie die Qualität des Wegeangebotes verbessert werden kann. Am Schluss soll ein Leitfaden für Behörden entstehen, mit welchem diese ihre Langsamsverkehrsnetze, abgestimmt auf alle anderen laufenden Projekte in der Gemeinde, planen können. Orientieren können sie sich dabei auch an Best Practice-Beispielen, die wir dem Leitfaden beilegen wollen.

Ein attraktiver Wanderweg in einem dicht besiedelten Siedlungsraum

Das Projekt wird regional getestet, bevor es im Metropolitanraum angewendet wird. Wo sind Pilotprojekte geplant?

Wir haben an der vorletzten Metropolitankonferenz einen Aufruf lanciert. Darauf haben sich mehrere interessierte Regionen und Gemeinden gemeldet. Bereits losgelegt haben wir mit der Regio Wil, einem Zusammenschluss von 22 Gemeinden in den Kantonen Thurgau und St. Gallen. Mit der Region Luzern Ost wird ein weiteres Pilotprojekt gestartet. Über einen eventuell dritten Pilot wird zurzeit noch verhandelt. Wir nutzen diese sehr unterschiedlichen Regionen, um den Entwurf des Leitfadens auf seine Praxistauglichkeit hin zu testen.

Die Bevölkerung wächst und damit auch die Nachfrage nach Wohn- und Verkehrsfläche. Stehen die Naherholungsräume und die Velo- und Wanderwege unter Druck?

Sie haben tatsächlich einen schweren Stand, ja. Es ist deshalb auch ein Ziel dieses Projekts, das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass der Langsamverkehr nicht einfach eine weitere Vergnügungsaktivität ist, sondern einen grossen Wert und einen echten «Qualitätszustupf» für eine Wohngegend darstellt. Wohnungen mit einfachem Zugang zu attraktiven Naherholungsgebieten in schönen Landschaften sind gefragt, das zeigen auch die Verkaufspreise. Gemeinden sollten ein Interesse haben an schönen Wegen und attraktiven Erholungsräumen, da damit die Lebensqualität vor Ort steigt. Je attraktiver die Infrastruktur des Langsamverkehrs ist, desto grösser ist der Teil des motorisierten Verkehrs, der substituiert werden kann.

Wieso eignet sich der Metropolitanraum besonders für dieses Projekt?

Weil er beispielhaft ist für die Schweiz. Er vereint unterschiedlichste Räume, von der Grossstadt über typische Agglomerationsgemeinden hin zu sehr ländlichen Regionen, die im Bezug auf den Zugang zu Naherholungsräumen vor sehr unterschiedlichen Herausforderungen stehen. Zudem ist es ein sehr dynamischer Raum mit starkem Bevölkerungswachstum.

Wie geht es nun weiter im Projekt?

Im Moment fokussieren wir darauf, möglichst viele Erfahrungen aus den Pilotprojekten zu sammeln. Im Idealfall können wir diese Projekte anschliessend als Best Practice-Beispiele verwenden. Zudem verfeinern wir laufend den Leitfaden. Erste Resultate werden 2016 vorliegen.

Die Metropolitankonferenz Zürich setzt das Projekt «Attraktive Erschliessungen der siedlungsnahen Erholungsräume mit Langsamverkehrsnetzen als Elemente der Lebens- und Standortqualität» gemeinsam mit dem Verband Schweizer Wanderwege, der Stiftung SchweizMobil und der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL um. Das Projekt wird vom Bund als Modellvorhaben Nachhaltige Raumentwicklung 2014-18 unterstützt.

Interview: Natalie Portmann, September 2015