Digitalisierung in der Berufsbildung: «Es gibt viel Handlungsbedarf im Bereich der digitalen Transformation.»

Die Digitalisierung hat und wird auch zukünftig die Welt verändern. Nicht nur die bisherige Wirtschaftsstruktur wird beeinflusst, sondern so gut wie alle Lebensbereiche und damit die Gesellschaft. Auch die verschiedenen kaufmännischen, technischen und gewerblichen Berufsbilder werden mehr oder weniger von der Digitalisierung betroffen sein. Somit muss die Berufsbildung sowohl bei den gewerblich-industriellen, als auch bei den kaufmännischen Berufen die Veränderungen in den Berufsbildern vorhersehen und im Rahmen der curricularen Weiterentwicklung auf diese Herausforderungen eine Antwort geben müssen. Projektleiter Markus Wyss, Professor an der Hochschule Luzern, Departement Informatik, im Interview.

Markus Wyss, Projektleiter

Herr Wyss, Sie leiten das Projekt «Digitalisierung in der Berufsbildung». Übergeordnetes Ziel des Projektes ist es, praxisorientierte Handlungsempfehlungen für den Einbezug der Digitalisierung in die Ausbildungsinhalte (Curricula) und Anpassungen in den methodischen und didaktischen Lernformen zu erarbeiten. Was muss man sich darunter vorstellen?

Im Rahmen dieses Projektes wollen wir primär konkrete Empfehlungen abgeben, die für die Ausgestaltung von Ausbildungsinhalten hinzugezogen werden können und die gewährleisten sollen, dass Ausbildungsgänge mit den aktuellen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen mithalten können. Das heisst, die Ausbildungsgänge für die verschiedenen kaufmännischen, technischen und gewerblichen Berufsbilder sollen durch Ergänzungen und Anpassungen der Ausbildungsinhalte digitale Kompetenzen fördern. Ein Beispiel hierfür wäre die Vermittlung des Umgangs mit sozialen Medien. Es ist denkbar, dass den Auszubildenden die Kompetenzen nicht über zusätzliche Inhalte, sondern über die Lehr- und Lernformen vermittelt werden. Beispielsweise, indem im Rahmen des Unterrichts mit einem Blog gearbeitet wird. Die digitalen Kompetenzen würden auf diesem Weg automatisch gefördert werden. 

Im Detail ist das Projekt in drei Teilziele unterteilt. Können Sie diese erläutern?

Das erste Ziel lautet «Berufsbilder nach Einfluss der Digitalisierung neu verorten». Hier ist es wichtig zu verstehen, dass es nicht möglich sein wird für jedes der über 250 Berufsbilder eine separate Empfehlung zu erarbeiten. Die klassischen Ordnungssysteme der Berufsbilder sind erstens zu gross und würden den Rahmen des Projektes sprengen. Zweitens sind sie für die Problemstellung nicht tauglich. Deswegen wollen wir ein neues Ordnungssystem schaffen, das die Berufsfelder anhand des Kriteriums «Auswirkung der Digitalisierung» in Cluster einordnet. Danach ist es unser Ziel, «Handlungsempfehlungen pro Cluster» zu entwickeln. Dazu machen wir eine GAP-Analyse und ermitteln, welche digitalen Kompetenzen noch gefördert werden müssten. Hier beschäftigen wir uns dann vor allem mit den Ausbildungsinhalten. Als Drittes befassen wir uns mit der «Unterstützung durch neue Lehr- und Lernformen». Wie bereits erwähnt wollen wir auch ermitteln, inwiefern digitale Kompetenzen sich auf methodischem und didaktischem Weg vermitteln lassen.

Wo vermuten Sie das höchste Potenzial in Bezug auf die Integration ergänzender Lehr- und Lernformen zur Erhöhung der digitalen Kompetenz?

Es ist zwar noch ein wenig früh, um konkrete Aussagen machen zu können. Ich vermute aber, dass die Vermittlung digitaler Kompetenzen in den Bereichen Internet und Social Media das höchste Potenzial birgt. Und zwar nicht aus Benutzersicht, sondern aus beruflicher Sicht. Das heisst, es geht um Fragen wie: «Wie kann ich Social Media sinnvoll einsetzen für den eigenen Beruf?» oder «Lässt sich durch die Arbeit mit dem Internet ein Effizienzgewinn erzielen?»

Wieso zählen Sie auf die Inputs aus dem Kreis von Berufsbildungsinstitutionen, direkt betroffenen Lehrbetrieben und Organisationen der Arbeitswelt (OdA), um konkrete Handlungsempfehlungen entwickeln zu können?

Organisationen der Arbeitswelt und Berufsbildungsinstitutionen können viel besser abschätzen, was die konkreten Herausforderungen für die Berufsbildung sind. Dies hilft uns bei der Erarbeitung von praxisorientierten Handlungsempfehlungen. Ausserdem ist es ja nicht so, dass die Organisationen zum ersten Mal von der digitalen Transformation hören! Da ist bereits viel Wissen vorhanden und dieses möchten wir gerne anfangs abholen. Ein solcher Austausch ist zudem wichtig um neue Ideen zu entwickeln und sich gegenseitig zu ergänzen. Wir glauben auch, dass wir somit eine breit abgestützte Akzeptanz der Resultate erreichen können.

Apropos Digitalisierung: Das Thema ist politisch hochaktuell. Man spricht im Rahmen der «vierten industriellen Revolution» von starken Veränderungen auf den Arbeitsmärkten und vom Verlust von Arbeitsplätzen. Wie sind die Reaktionen auf ihr Projektvorhaben?

Die Reaktionen sind äusserst positiv, auch von Seiten der Berufsbildungsinstitutionen und Organisationen der Arbeitswelt. Diese spüren den Druck der digitalen Transformation ja auch. Unser Vorhaben wird also insofern begrüsst, als dass wir am Ende ein Instrument entwickelt haben werden, das wir ihnen in die Hände drücken können. Der Handlungsbedarf ist im Moment nämlich bei allen sehr gross, da die digitale Transformation schnell eingesetzt und bereits massive Veränderungen ausgelöst hat. Denken Sie nur an den Kanalarbeiter: Das Berufsbild hat sich in den letzten fünf bis acht Jahren derart verändert, dass es sich eigentlich schon zu einem ganz neuen Berufsbild entwickelt hat. Er heisst heutzutage übrigens Entwässerungstechnologe! Und auch Köche müssen nun mit Software-gesteuerten Küchengeräten umgehen können. Und allen kaufmännischen Berufen droht wegen verstärkter Automatisierung eine Abnahme ihrer Bedeutung. Wegen Internet-Shoppings ist beispielsweise in den letzten fünf Jahren die Anzahl der Shopping-Mall Besucher in den USA um bis zu 35% zurückgegangen. Diese Beispiele zeigen auf, dass unser Projekt ein hochaktuelles Thema bedient und dank der Praxis- und Lösungsorientiertheit wird das Vorhaben auch grundsätzlich von allen Seiten unterstützt.

Sie haben die Wichtigkeit der Praxisorientierung ihres Projektes bereits mehrmals erwähnt. Die Metropolitankonferenz hat sich in ihrer Strategiediskussion ja zum Ziel gesetzt, ihre Projekte stärker praxistauglich auszugestalten. Wie profitieren Gemeinden und Kantone konkret von diesem Projekt?

Unsere Handlungsempfehlungen richten sich vor allem an die Berufsbildungsinstitutionen. Aber dadurch profitieren auch die Kantone und Gemeinden, denn wettbewerbsfähige Berufsbildung trägt zur Standortattraktivität und Wirtschaftsförderung durch gut ausgebildete Arbeitnehmer bei - auch in der Verwaltung selbst.

Wieso eignet sich der Metropolitanraum besonders für dieses Projekt?

Der Metropolitanraum Zürich ist der grösste Wirtschaftsraum der Schweiz und somit gibt es viel Handlungsbedarf im Bereich der digitalen Transformation in der Berufsbildung. Dazu tragen auch die vielen Berufsbildungsinstitutionen bei, die innerhalb des Raumes ihren Standort haben. Durch das Projekt kann der Verein ausserdem seine Vorreiterrolle stärken: Im Idealfall dient es als Best Practice und kann auf Bundesebene weitergeführt werden.

März 2017