Gemeinsam den Wirtschaftsstandort stärken

In der Schweiz wird es zunehmend schwierig, Schlüsselpositionen mit den richtigen Mitarbeitenden zu besetzen – ein Umstand, der das Wirtschaftswachstum zu beschränken droht. Um den gemeinsamen Wirtschaftsstandort zu stärken, hat die Metropolitankonferenz das Projekt «Fachkräftepotenzial» ins Leben gerufen. Projektleiterin Dr. Aniela Wirz erklärt im Interview, weshalb es das Projekt braucht und welche Vorteile die Umsetzung auf Ebene der Metropolitankonferenz hat.

Frau Wirz, Sie leiten ein Projekt, welches dem Fachkräftemangel entgegenwirken soll. Ob es wirklich einen Fachkräftemangel gibt, wird aktuell heftig diskutiert. Braucht es Ihr Projekt?
Eine von uns in Auftrag gegebene Studie aus dem Jahre 2012 zeigt, dass ein grosser Teil der Arbeitgeber im Wirtschaftsraum Zürich ernsthafte Schwierigkeiten bekundet, geeignete Fachkräfte mit mittleren oder hohen Qualifikationen zu finden – besonders Arbeitgeber im Wirtschaftssektor der freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen oder im Bereich der Immobiliendienstleistungen.
Die Erkenntnisse aus der Studie decken sich mit den Rückmeldungen, die wir vom Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich von den Unternehmen und den Kollegen von den Bildungsbehörden erhalten. Aufgrund der hohen Mangelmeldungen, insbesondere im Bereich der MINT-Berufe, stehen diese und die dabei betroffenen Industrie- und Dienstleistungsbranchen bei unserem Projekt speziell im Fokus. Die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative im Februar 2014 hat die Lage nun noch verschärft und den Bedarf für praxisnahe Lösungen erhöht.

Aber immerhin sind rund 3 % der Schweizerinnen und Schweizer arbeitslos. Ist es nicht eher so, dass die Unternehmen falsch suchen und die Stellen deshalb nicht besetzen können?
In der Schweiz gibt es viele gesicherte Hinweise dafür, dass Unternehmen tatsächlich Mühe haben, geeignete Kandidaten zu finden. Mit 3 % ist die Arbeitslosigkeit in der Schweiz, verglichen mit derjenigen in ausländischen Nachbarstaaten, sehr tief. Dies ist ein weiteres Indiz dafür, dass der Fachkräftemangel nicht von den Unternehmen hausgemacht ist – also etwa durch ineffiziente oder falsche Suche.

Wie wollen Sie nun diesem Problem begegnen, welchen Ansatz verfolgen Sie?
Eine bessere Nutzung der inländischen Fachkräfte und optimierte Produktionsbedingungen für Unternehmen im Inland sind die Lösung für das Problem Fachkräftemangel. Die Zusammenarbeit zwischen allen beteiligten Akteuren aus der Privatwirtschaft und dem öffentlichen Sektor soll gefördert und Synergien sollen genutzt werden. Weiter sollen erste Schritte eingeleitet werden, um die institutionellen Rahmenbedingungen für diesen Prozess und die Unternehmen zu verbessern.

Um diese Prozesse voranzutreiben, ist die Sichtbarkeit von effizienten und innovativen Massnahmen zur Erhöhung des inländischen hoch- und mittelqualifizierten Arbeitsangebots (Best Practice) zentral. Zu diesem Zweck stellen wir auf unserer Projektseite ab dem Frühjahr 2015 ausgewählte Best-Practice-Beispiele und eine Projektübersicht vor.

Sie sagen, dass Sie nach Best-Practice-Beispielen suchen. Welche Art von Projekten suchen Sie genau?
Wir suchen sämtliche Projekte, die das Angebot an qualifizierten Fachkräften im Inland erhöhen – sei es über die gezielte Weiterbildung der bestehenden Belegschaft im Unternehmen, durch innovative Formen der Zusammenarbeit von Unternehmen bei der Suche nach Fachkräften oder über neue elektronische Hilfsmittel. Zudem sind wir interessiert, zu erfahren, wie das Fachwissen von älteren Arbeitnehmenden unternehmensintern genutzt wird. Oder etwa, wie über eine Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie die Fachkenntnisse von Müttern und Vätern gut genutzt werden können. Solche Massnahmen wirken kurz- bis mittelfristig, das heisst innerhalb von ein paar Jahren.

Und was wirkt über diesen Zeithorizont hinaus?
In einer langfristigen Perspektive – d.h. in einem Rahmen von 10 bis 20 Jahren – wirken sämtliche von uns gesuchten Massnahmen, welche Kinder und Jugendliche motivieren, ihren Interessens- und Erfahrungshorizont zu erweitern. Dadurch entdecken sie neue Berufsgebiete ausserhalb ihres familiären Rahmens. Natürlich ist es ein Ziel, auch Mädchen für MINT-Berufe zu  begeistern. Aber das Fachkräfteangebot wird generell erhöht, wenn die Berufswahl der Jugendlichen so gut wie möglich ihren eigenen Interessen entspricht. Und das gilt ebenso sehr für junge Männer wie für junge Frauen. Bei diesen langfristig orientierten Projekten zur Förderung des Nachwuchses werden auch viele Kommunikationsprojekte zur besseren Vermarktung inländischer Ausbildungen sowie zur Erhöhung ihrer Attraktivität mit unserer Onlineumfrage zu erfassen gesucht.
Wir werden in einem zweiten Schritt besonders geeignete Projekte auswählen, die sich durch ein gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis, eine grosse Personenreichweite und die Nachhaltigkeit ihrer Wirkung auszeichnen. Darüber hinaus sind die ausgewählten Projekte innovativ und einzigartig, etwa im Bezug auf die anvisierten Zielgruppen, Berufe oder Branchen.

Läuft man mit dem Fokus auf Best Practice – im Gegensatz zur Suche nach neuen Projekten –nicht Gefahr, im Status quo zu verharren?
Nein, überhaupt nicht. Die gesuchten Projekte sollen ja unbedingt auf andere Organisationen oder Unternehmen übertragbar sein. Dass sie weiterentwickelt werden können, ist also ein zentrales Merkmal der gesuchten Best Practice. Die Gefahr des Stillstandes ist mit entwickelbaren Projekten nicht gegeben.

Welche Vorteile hat die Durchführung des Projektes auf Ebene der Metropolitankonferenz im Vergleich zu ähnlichen Projekten auf Gemeinde-, Kantons- oder Bundesebene?
Die Metropolitankonferenz Zürich bietet mit ihren 8 Kantonen eine ideale Plattform zur Datenerhebung, da sie es erlaubt, in zentralen Themenbereichen kantonsübergreifend und sachorientiert zusammenzuarbeiten. Zudem gehören auch 236 Gemeinden und Städte zu diesem Metropolitanraum. Wir koordinieren unsere Aktivitäten zudem mit der Fachkräfteinitiative des Bundes im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Die Einbindung aller Ebenen erlaubt es, sämtliche in diesem Bereich aktiven Partner miteinzubeziehen und die Reichweite der Massnahmen so zu erhöhen. Dies unterscheidet uns von Projekten auf kantonaler Ebene. Es ist sehr sinnvoll, Wirtschaftsräume und den Arbeitsmarkt nicht nur innerhalb der Kantonsgrenzen, sondern in funktionalen Räumen zu betrachten. Auf der einen Seite migrieren Arbeitskräfte nicht nur in und aus der Schweiz, sondern bewegen sich als Pendler über Kantonsgrenzen hinweg. Unternehmen auf der anderen Seite haben häufig mehrere Standorte nicht nur in verschiedenen Ländern, sondern auch in verschiedenen Kantonen der Schweiz. Auch diesbezüglich ist die Metropolitankonferenz Zürich eine passende Ebene für die Umsetzung dieses Projekts.

Sie befinden sich aktuell bereits mitten in der Umsetzung des Projekts. Gab es bei Ihrer bisherigen Arbeit Überraschungen oder Unerwartetes?
Ich war überrascht über die sehr hohe Zustimmung der Mitglieder der Metropolitankonferenz Zürich. Unser Projekt wurde im Mai ohne eine einzige Gegenstimme gutgeheissen. Auch von Projektpartnern und verschiedenen Gesprächspartnern wurde mir im bisherigen Projektverlauf vielfach bestätigt, wie notwendig es tatsächlich ist, die vielen laufenden Aktivitäten ganz pragmatisch sichtbar zu machen, ihre Verbreitung zu fördern und Synergien zu nutzen. Es ist nicht die Zeit für abstrakte Theorien, sondern für konkrete Schritte, das Unterstützen von bewährten Massnahmen und eine gute Zusammenarbeit im Inland ohne ideologische Scheuklappen.

Wie lange dauert die Umsetzung des Projekts und wann werden die ersten Ergebnisse publiziert?
Wir sammeln nun bis Mitte Oktober 2014 aktuell laufende Projekte zur besseren Nutzung des inländischen Fachkräftepotenzials. Im Herbst 2014 und im Februar 2015 finden Workshops mit beteiligten Akteuren aus dem privaten und öffentlichen Sektor des Metropolitanraums Zürich statt. An diesen Workshops erarbeiten wir gemeinsame Empfehlungen für die Verbesserung der institutionellen Rahmenbedingungen und der besseren Nutzung von Synergien zwischen den beteiligten Personen und Organisationen. Ab März 2015 werden diese Resultate im Rahmen der Metropolitankonferenz Zürich präsentiert und diskutiert und im Frühjahr 2015 dann der Öffentlichkeit präsentiert.

Oktober 2014/Ladina Härtli