Die Chancen des Detailhandels

Interview mit Simon Keller, Projektleiter «Strukturwandel im Detailhandel»

Die Digitalisierung und das veränderte Konsumverhalten üben seit einigen Jahren Druck auf den Detailhandel aus. 2017 legt der Online-Handel in der Schweiz erneut um etwa 8% zu, während der stationäre Detailhandel um ein knappes Prozent schrumpfte. Doch der Strukturwandel im Detailhandel birgt nicht nur Herausforderungen, sondern auch Chancen. Werden diese sowohl von der Wirtschaft als auch von der öffentlichen Hand erkannt, können Erfolgspotenziale genutzt werden.

Im Projekt «Strukturwandel im Detailhandel» der Metropolitankonferenz Zürich werden unter der Leitung von Simon Keller von der Stadtentwicklung Zürich Erfolgspotenziale für den Detailhandel identifiziert. Gemeinsam mit den grössten Schweizer Branchenverbänden, die IG Detailhandel Schweiz und der Swiss Retail Federation, und mit Vertretern der öffentlichen Hand werden schliesslich Handlungsempfehlungen entwickelt. Ziel ist es, auf die Frage antworten zu können, wie die regulatorischen Rahmenbedingungen zu gestalten sind, um die zuvor identifizierten Potenziale erschliessen zu können.

SImon Keller, Projektleiter

Herr Keller, das Projekt «Strukturwandel im Detailhandel» wurde an der letzten Herbstkonferenz von den Mitgliedern der Metropolitankonferenz Zürich bewilligt. Was ist der aktuelle Stand?

Nach der Herbstkonferenz haben wir ein professionelles Projektteam sowie ein Begleitgremium aufgebaut. Beide bestehen aus Vertreterinnen und Vertretern der öffentlichen Hand sowie der Detailhandels- und Immobilienbranche. Da die Beteiligten unterschiedliche Hintergründe haben, war es wichtig ein zuerst gemeinsames Projekt- und Zielverständnis zu erarbeiten. Nachdem wir die erste Phase, die Analyse, abgeschlossen haben, können wir nun mit der zweiten Phase beginnen. Bei dieser geht es um die Identifikation von Erfolgspotenzialen. Dazu werden wir ausgewählte Gemeinden und Städte als Fallstudien anschauen und Interviews mit lokalen Akteuren und Fachleuten führen. Ende Sommer beginnt dann die dritte Phase, bei der Handlungsfelder erarbeitet werden. Dazu werden wir Workshops mit diversen Akteuren abhalten.

Das Thema ist ja momentan höchst brisant: Amazon wird bald den Schweizer Markt betreten. Was bedeutet das konkret für den Detailhandel in der Schweiz, welche Herausforderungen stehen ihm bevor?

Das Unternehmen Amazon ist zum Inbegriff des Strukturwandels im Detailhandel geworden. Neben der unglaublichen Grösse erstaunt mich persönlich die Innovationskraft des Unternehmens. Meiner Meinung nach wird die Dominanz globaler Player wie Amazon und Alibaba weiter zunehmen. Die beiden Unternehmen weiten ihr Gebiet aus und sind gezielt in das lokale, stationäre Detailhandelsgeschäft eingestiegen. Die grosse Herausforderung für den Detailhandel ist somit nicht die Digitalisierung in Form eines reinen Online-Handels, sondern dessen Verschmelzung mit dem stationären Handel. Deshalb stellen Online-Shops oder Apps alleine nicht die Rettung des stationären Handels dar, sondern sind eine ergänzende Kraft. Da sich das Verhalten und die Bedürfnisse der Kunden stark verändern, bin ich überzeugt, dass der Detailhandel sowie die öffentliche Hand und die Immobilienwirtschaft fit sein müssen für diesen Wandel.

Das Projekt will sich aber nicht mit den Herausforderungen begnügen, sondern vor allem Erfolgspotenziale für den Detailhandel identifizieren. Wo sehen Sie spontan ein solches Erfolgspotenzial für den Detailhandel?

Ich gehe davon aus, dass der stationäre Handel immer bestehen wird. Jedoch wird er sich stark verändern. Insbesondere seine Funktion in den Zentren wird sich wandeln. Doch eine einfache Erfolgslösung existiert nicht. Der stationäre Handel wird erfolgreich sein, wenn er sich nicht gegen den Online-Handel wehrt. Seine Stärke ist seine physische Präsenz, die er als Standbein seines Omni-Channel-Auftritts nutzen kann. Detailhändler müssen sich fragen, was stationär und was digital angeboten werden muss. Dabei ist das Erlebnis ein wichtiges Element des Einkaufens, das nach wie vor im stationären Handel erfolgt. Jeder Händler muss selber herausfinden, welche Art von Erlebnis oder Convenience die Kunden in seinem Geschäft suchen. Zudem ist die Kombination von Waren- und Dienstleistungsangeboten eine weitere wichtige Entwicklungsmöglichkeit. Der Laden kann zum Gastgeber für Dienstleistungen von Dritten werden, z. B. als Post-Filiale oder als Pick-up-Station für online bestellte Ware. Auch zeitlich unterschiedliche Nutzungen sind möglich. Schon heute sehen wir, wie Kleidergeschäfte abends zur Yoga-Schule werden.

Sie waren zuvor Leiter des Projekts «Handel im Wandel» der Stadt Zürich, das Ende letzten Jahres abgeschlossen wurde. Wie ergänzen sich die beiden Projekte?

Im Projekt «Handel im Wandel» erarbeiteten wir für das Gebiet der Stadt Zürich mehrere Szenarien für den Detailhandel. Das Ziel war dabei die möglichen Auswirkungen der Entwicklungen im Detailhandel auf die verschiedenen Teilräume der Stadt Zürich aufzuzeigen. Durch diese Szenarien, die teilweise bewusst überzeichnet waren, schufen wir eine Grundlage, um die Diskussion innerhalb der Stadtverwaltung sowie mit Vertretern des Detailhandels über den Wandel im Handel und dessen Auswirkungen auf den Stadtraum anzuregen. 
Das Projekt «Strukturwandel im Detailhandel» der Metropolitankonferenz Zürich geht in mehreren Aspekten über das Stadtzürcher Projekt hinaus. Einerseits umfasst es den ganzen Metropolitanraum, d.h. verschieden grosse Städte und Gemeinden mit unterschiedlichen Ausgangslagen. Andererseits werden keine Szenarien erarbeitet. Dafür liegt der Fokus auf den Erfolgspotenzialen des Detailhandels. Daraus werden Handlungsfelder für die verschiedenen Gemeindetypen der Metropolitankonferenz Zürich abgeleitet.

In ihrem Projekt kommen sowohl Branchenvertreter wie auch Vertreter der öffentlichen Hand gemeinsam an einen Tisch, um Handlungsempfehlungen zu erarbeiten. Das ist ein innovativer Ansatz. Wie stellen Sie sicher, dass von den Ergebnissen sowohl die Wirtschaft wie auch die Gemeinden profitieren?

Der Einbezug sowohl von Vertretern der öffentlichen Hand wie auch der Wirtschaft ist in der Tat innovativ. So wird sichergestellt, dass beide Seiten ihre Ansichten und Interessen einfliessen lassen können und dass es keine einseitige Sichtweise im Projekt gibt. Die verschiedenen Sichtweisen implizieren zudem ein Out-Of-The-Box-Denken. Das heisst, es wird genügend Raum für unkonventionelle Vorstellungen und Ideen geben. Unsere Handlungsempfehlungen werden aber keine einfachen Kochrezepte sein, die sich eins zu eins anwenden lassen. Dafür ist die Realität zu komplex und die Zukunft zu ungewiss. Die Ergebnisse sollen die Gemeinden vor allem dabei unterstützen, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen, um die Wettbewerbsfähigkeit des Detailhandels auch zukünftig sicherzustellen. Egal, wie diese Zukunft auch aussehen mag.

Wieso eignet sich der Metropolitanraum Zürich besonders für dieses Projekt?

Der Metropolitanraum Zürich ist der wirtschaftlich und gesellschaftlich dynamischste Raum der Schweiz; auch betreffend Detailhandel. Deshalb ist es wichtig, dass sich dieser Raum dem Strukturwandel des Detailhandels stellt. Zudem umfasst der Metropolitanraum Zürich diverse Städte und Gemeinden, die ganz unterschiedliche Ausgangslagen und Potenziale hinsichtlich ihrer Entwicklungen allgemein und für den Detailhandel im Speziellen haben.

Strukturwandel im Detailhandel

Das Bevölkerungswachstum sowie gesellschaftliche und technischen Entwicklungen wie die Digitalisierung haben die Ansprüche an den Raum angehoben. Geschäfte und Lokale müssen aufgrund des zunehmenden grenzüberschreitenden Online-Shoppings und des Einkaufstourismus schliessen. Der Detailhandel ist gefordert, diesem Strukturwandel mit innovativen Ideen begegnen.

Weitere Informationen finden Sie hier.

Lena Schüpbach, Mai 2018