Rückblick auf den Abschlussanlass des Kooperationsprojekts «Silver Bridge – Standortbestimmung für das Arbeiten im Alter»
Am 8. Januar 2026 feierte das erfolgreiche Kooperationsprojekt «Silver Bridge – Standortbestimmung für das Arbeiten im Alter» mit einem hochkarätig besetzten Abschlussanlass seinen Projektabschluss. Das von der Metropolitankonferenz Zürich finanzierte Projekt brachte Expert:innen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Praxis zusammen, um innovative Lösungen für eine der drängendsten gesellschaftlichen Herausforderungen zu diskutieren: Wie können wir das Potenzial der Silver Ager besser nutzen?
Silver Bridge: Mehr als nur ein Test
Bis 2030 werden gemäss Prognosen rund 1,1 Millionen Menschen in der Schweiz das Rentenalter erreichen – etwa ein Viertel der heutigen Erwerbsbevölkerung. Diese Zahlen verdeutlichen die Dringlichkeit, neue Wege zu finden. Das Projekt Silver Bridge leistet dazu einen wichtigen Beitrag, indem es sowohl Individuen zur Selbstreflexion motiviert als auch Organisationen für das Potenzial der Silver Ager sensibilisiert.
Dr. Anja Feierabend, die Co-Projektleiterin von Silver Bridge, präsentierte eindrücklich die Ergebnisse ihrer zweijährigen Arbeit. Die Plattform Silver Bridge – eine kostenlose, webbasierte Standortbestimmung für Menschen vor oder nach der Pensionierung – stand dabei im Zentrum. Diese bietet weit mehr als nur einen herkömmlichen Berufstest. In drei aufeinander aufbauenden Modulen reflektieren Nutzer:innen ihre aktuellen und künftigen Rollen, erkunden ihre beruflichen Interessen und definieren ihre Motivation für eine mögliche Weiterbeschäftigung nach der Pensionierung. Das Besondere: Basierend auf den individuellen Ergebnissen erhalten sie konkrete Inspirationen von anderen Silver Agern und Hinweise zu passenden Beschäftigungsoptionen.
Erkenntnisse dank interaktiven Diskussionsformaten
Zwei World Cafés ermöglichten den Teilnehmenden intensive Diskussionen: Der eine Stand der HR ConScience GmbH widmete sich dem neu entwickelten Flexibilitätstest. Beim zweiten Stand beleuchtete das Team von AvantAge – Fachstelle Alter und Arbeit Erfahrungen aus Pensionierungsvorbereitungsseminaren. Dabei wurde deutlich, dass die Bereitschaft zur flexiblen Weiterbeschäftigung stark von individuellen Faktoren abhängt – von der finanziellen Situation über familiäre Verpflichtungen bis hin zu gesundheitlichen Aspekten.
Podiumsdiskussion: Spannungsfeld zwischen Bedarf und Realität
Nadine Müller-Krontiris, Global Employer Branding Expert bei der Helvetia Versicherungen Gruppe, gab wertvolle Einblicke aus der Unternehmenspraxis. Eine hauseigene Umfrage mit über 2’000 Mitarbeitenden über 50 Jahren zeigte: 30 Prozent können sich eine Weiterbeschäftigung bei Helvetia vorstellen. Die Hauptmotive sind dabei ein finanzieller Zustupf, zeitliche Flexibilität und der Wunsch, in einer Expertenrolle aktiv zu bleiben. Sie thematisierte auch eine oft übersehene Hürde: Junge Führungskräfte sind häufig unsicher im Umgang mit älteren, erfahrenen Mitarbeitenden, was die Integration von Silver Agern erschweren kann.
Lilo Steinmann teilte als stellvertretende Leiterin von AvantAge und erfahrene Seminarleiterin für Pensionierungsvorbereitung ihre Beobachtungen aus der direkten Beratungsarbeit: Sie betonte, dass soziale Beziehungen das wichtigste Element für ein erfülltes Leben nach der Pensionierung seien. Diese müssten nach dem Wegfall der Arbeitsstrukturen bewusst gepflegt und neu aufgebaut werden. Steinmann wies auch auf die grosse Bedeutung der Care-Arbeit hin: Viele Pensionierte übernähmen Betreuungsaufgaben für Enkelkinder oder pflegebedürftige Angehörige. Sie beobachte zudem eine wachsende Skepsis gegenüber langfristigen Verpflichtungen – viele Silver Ager wünschten sich Flexibilität statt fester Strukturen, auch bei Freiwilligenarbeit.
Hans Strittmatter brachte als Rechtsanwalt und ehemaliger Geschäftsleiter der Arbeitgeber Zürich VZH eine kritische Arbeitgeberperspektive ein: Obwohl die Arbeitgeberschaft seit Jahrzehnten das längere Arbeiten propagiere, sei das Interesse der Unternehmen in der Realität gering. Er verwies auf aktuelle Studien, die zeigen, dass sich Firmen kaum für Silver Ager interessieren – ein Widerspruch zwischen öffentlichen Bekenntnissen und tatsächlichem Handeln. Strittmatter prognostizierte pragmatisch: «Die Demografie wird es richten», – der Fachkräftemangel werde Unternehmen zum Umdenken zwingen. Als konkreten Beitrag kündigte er ein Seminar zur rechtlichen Ausgestaltung von Arbeitsverträgen für über 65-Jährige an, das bereits grosses Interesse wecke.
Dr. Lea Rutishauser beleuchtete als Co-Projektleiterin die komplexen Spannungsfelder des Themas: Einerseits macht der demografische Wandel eine längere Erwerbstätigkeit gesellschaftlich wünschenswert, andererseits senden Wirtschaft und Gesellschaft oft widersprüchliche Signale. Sie betonte, dass sich Menschen oft zu spät Gedanken über ihre Zeit nach der Pensionierung machen, wodurch wichtige Weichenstellungen verpasst werden. Zudem ist in vielen Unternehmen Altersdiskriminierung bereits ab 50 Jahren spürbar, was potenzielle Silver Ager verunsichert. Gleichzeitig ist ein Grossteil der Unternehmen noch nicht optimal auf ältere Mitarbeitende eingestellt.
Blick in die Zukunft
Silver Bridge ist mit dem Projektabschluss nicht beendet. Die HR ConScience GmbH wird die Plattform weiterentwickeln und kostenfrei zugänglich halten. In Planung sind bereits ein erweiterter Flexibilitätstest und ein Reifegradtest für Organisationen. Damit sollen sowohl Individuen als auch Unternehmen bei der Gestaltung des Übergangs ins und im Pensionsalter unterstützt werden.
Das Projekt zeigt exemplarisch, wie die Metropolitankonferenz Zürich gesellschaftlich relevante Themen aufgreift und innovative Lösungsansätze fördert. In Zeiten des demografischen Wandels werden solche Initiativen zunehmend wichtiger – nicht nur für den Metropolitanraum Zürich, sondern für die gesamte Schweiz.